Würzburger Dommusik: Presseecho

Mainpost, 22.11.2005

Sehr viel und gut gesungen

70 ehemalige Domsingknaben waren am Sonntag im Dom zu hören

Wiewohl das Erfolgsrezept des Domkapellmeisters Martin Berger einfach erscheint, erfordert es doch eine fast detektivische Vorleistung. Denn woher soll man die im ganzen Land zerstreuten Ehemaligen bekommen? Für den Domkapellmeister und seine Mitarbeiter war es keine leichte Aufgabe. Gut ein halbes Jahr haben aktive Sänger der Dommusik in kriminalistischer Kleinarbeit Chroniken, Fotos, und Archive gesichert und die Adressen vieler Domsingknaben der letzten 40 Jahre ermittelt. Dann wurden 300 Briefe geschrieben. „Die Resonanz war sehr positiv“, sagt Berger.

Am Ende folgten 70 Ehemalige der Einladung und kehrten am Wochenende zu ihrer alten Wirkungsstätte zurück. Bereits bei der ersten Probe stellte der Domkapellmeister fest, dass die Gruppe motiviert war. Entsprechend war auch der erste musikalische Eindruck. „Man merkt es allen an, dass sie sehr viel und gut gesungen haben“, so Berger, der von Anfang an vom Gelingen seines Projekts überzeugt war.

Für viele der Domsingknaben ist die Zeit im Knabenchor prägend gewesen. „Es war ein schöner Lebensabschnitt“, bestätigt Jürgen Ifftner, der im Dom sang als dieser noch eine Baustelle war. Der 53-jährige Geograf erinnert sich aber auch an unschöne Situationen, die heute unvorstellbar sind: zum Beispiel an den sehr strengen Chorleiter. Damit der damals neunjährige Vorsänger hohe Töne sauber herausbekam, pflegte ihn der Chorleiter fest an den Wangen zu drücken. Freiwillig schien Ifftner auch nicht in den Chor gekommen zu sein. „Wir wurden dazu von den Nonnen genötigt“, sagt er lachend.

Nach seiner Erzählung hatten die Ordensfrauen gemeinsam mit Domkapellmeister Franz Fleckenstein, der den traditionsreichen Chor Anfang der 60er Jahre wiederbelebte, eine regelrechte Talentsuche in Kinderhorten und in den Schulen betrieben. „Wer gut singen konnten, wurde zum Vorsingen geschickt.“ Obwohl Ifftner rückblickend die Zeit im Chor nicht missen möchte, konnte er seinerzeit die Strenge nicht aushalten und verließ nach zwei Jahren den Chor. Später ärgerte er sich schwarz, als die Domknaben Auslandsreisen unternahemen und er nicht dabei sein konnte.

Von dem „Trauma“ längst geheilt ist auch der 53-jährige Psychologe Herwig Praxl. Auch er wurde als Neunjähriger im Kinderhort St. Anna entdeckt. Er blieb fünf Jahre bis zum Stimmbruch. Er sah in dem Chor nicht nur die Möglichkeit, seine Stimme zu schulen, sondern auch an der Orgel zu üben. Nur abends allein durch den dunklen Domkreuzgang zu gehen, an den Gräbern vorbei, machte ihm Angst. Praxl: „ Das war jedes Mal Horror pur.“

Die Würzburger Domsingknaben gehören zu den traditionsreichen Knabenchören in Deutschland. Dessen Anfänge reichen bis in die Gründungszeit des Bistums 742 zurück. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ging diese Tradition jedoch verloren. Erst 1961 wurde der Chor von dem damaligen Domkapellmeister Fleckenstein widerbelebt und von seinen Nachfolgern Prof. Siegfried Koesler und Martin Berger fortgesetzt.

Bei der Aufführung am Sonntag im Dom bildeten die Ehemaligen einen eigenen, einstimmigen Männerchor. Domkapellmeister Berger und sein Vorgänger Koesler dirigierten zusammen die beiden Chöre. An den Domorgeln musizierten Domorganist Stefan Schmidt und Domkantorin Judith Schnell.

Gideon Zoryiku