Mainpost/Volksblatt, Dienstag, 20. März 2007
Konzerte mit Originalinstrumenten in authentischer barocker Besetzung erweisen sich als echte Alternativen zu so genannten modernen Aufführungen, die in Wirklichkeit einem spätromantischen Klangideal huldigen. Tatsächlich bedeutete der schlanke Klangeindruck, den die Wiedergabe von Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion im überfüllten Würzburger Kiliansdom hinterließ, eine echte Überraschung. Domkapellmeister Martin Berger leitete den Würzburger Domchor, Mädchenkantorei Domsingknaben und das Barockorchester mit Sensibilität für das dramatische Geschehen. Berger animierte Sänger und Musiker zu einem durchwegs lebendigen und flüssigen Musizieren.
Bereits den Eingangschor ließ der Dirigent flexibel und beseelt federn und zugleich organisch atmen. Schon hier fielen der Verzicht auf erzwungene Tempo- und Dynamikkontraste auf, sodann die Ausgewogenheit und Gleichwertigkeit der Stimmen. Die unpathetische, kammermusikalisch transparente Konzeption hinterließ einen kultivierten Gesamteindruck, zeigte sich jedem Affekt der Partitur gewachsen. Exzellent spielten die Solisten auf Traversflöte, Oboe, Gambe und Violine. Die Bassbegleitung hob Berger an geeigneten Stellen hervor.
Gedankenvoller Christus
Tenor Nico van der Meel verkörperte den Evangelisten stilsicher, mühelos in der Stimmführung sowie mit Natürlichkeit und Überzeugungskraft. Darstellende Intensität setzte er neben beschreibende Zurückhaltung. Ebenso gefiel Bassist Rafael Sigling, der den Christus frei von überzogenem Pathos, gedankenvoll und mit Wärme darbot. Überragend anmutig sangen die Sopranistin Vasiljka Jezovesk und die Altistin Franziska Orendi, beide flexibel im Ausdruck und emotional nah am Text. Tenor Julian Prégardien und Bassist Vinzenz Haab hatten gelinde Anlaufschwierigkeiten, mit winzigen Aussetzern in der Höhe beziehungsweise einem etwas unsicheren Tasten nach stabiler und sonorer Linienführung in der tiefen Lage.
Bachs Anteilnahme am Seelenzustand der Personen, sein Streben, über die Darstellung der Leidensgeschichte hinaus zur letzten Erkenntnis ihres Sinns durchzudringen, erhebt diese Passion zum umfassenden Glaubensbekenntnis. Beim Schlusschor schienen Leid und Schmerz überwunden, selig erlöst reichen die Menschen einander die Hände und eröffnen den himmlischen Reigen der Ewigkeit. Langanhaltender Beifall.