Harsewinkel, 19. Mai 2009
„Dies ist ein Chor den es eigentlich gar nicht gibt“, erklärte der Würzburger Domkapellmeister Professor Martin Berger seinem verblüfften Publikum am Samstagabend nach dem „campus cantat“ -Konzert in der Abteikirche. Nach 90 Minuten Konzertgenuss auf höchstem Niveau hegten die 160 begeisterten Zuhörer aber keinerlei Zweifel an der Existenz der Jugendkantorei am Würzburger Dom".
„Diesen Chor gibt es seit genau zwei Wochen", löste Berger das Rätsel auf. Eigentlich gibt es am Würzburger Dom eine Mädchenkantorei und einen Knabenchor, dessen Männerstimmen nun mit dem Konzertchor der Mädchen auf Konzertreise nach Marienfeld gingen.
Folgerichtig sangen die Chöre, deren Schwerpunkt eindeutig auf der sakralen Moderne lag, zunächst getrennt. Die jungen Damen aus der Mädchenkantorei beeindruckten mit souverän geführten, schlanken Stimmen, die mühelos in höchste Höhen schwebten, mit deutlicher Aussprache und blitzsauberer Intonation auch bei modernetypischen Reibungsakkorden. „Es lohnt sich, in Kinder und Jugendliche zu investieren“, unterstrich Berger, der seine Chöre mit ruhiger Hand und minimaler Gestik durch maximal ausformulierte Spannungs- und Dynamikbögen leitete, die Notwendigkeit jahrelangen Gesangstrainings, um dieses Niveau zu erreichen. In Andreas Müller fanden die Würzburger einen kompetenten Begleiter am Orgelpositiv, der auch als Solist mit Ester Mägis (Jahrgang 1922) Präludium und Choral an der großen Orgel glänzte und in genussvoller Ruhe verschiedenste Klangbilder differenziert ausmalte.
Auch die jungen Männer konnten sich hören lassen: Die klaren Tenöre und profunden Bässe zelebrierten die geistliche Chorliteratur sensibel mit jugendlich geraden Stimmen. Absolute Tonsauberkeit und akkurate Aussprache waren auch bei ihnen Ehrensache. Souverän spielten beide Domchöre mit der überaus tragenden Akustik der Abteikirche – was andere Sänger aus dem Konzept bringen mag, nutzten sie für gekonnte Effekte.
Unbestreitbarer Höhepunkt dieses hochklassigen Abends waren die letzten fünf Lieder plus zwei Zugaben, die beide Chöre gemeinsam sangen. Nun wurden die klaren, schwerelos, durch das Kirchenschiff schwebenden Soprane nicht nur von den satten Altstimmen, sondern auch von den Männern geerdet, und Martin Berger vereinte beide Chöre mühelos zu einem, homogenen, perfekt tarierten Klangensemble.
„Dies ist der Auftakt einer neuen Reihe: Junge Stimmen in der Abteikirche Marienfeld“ kündigte Andreas Müller an, der mit Professor Martin Berger einen Studienkollegen nach Marienfeld eingeladen hatte – die Marienfelder Musikfreunde dürfen sich also auf weitere junge Chöre – gern auf Würzburger Niveau freuen.